Ein noch größeres Problem als CO₂? Warum Arzneimittel für die Umwelt so schädlich sind – landeszeitung.de

Die Reiseapotheke wird immer leerer: Der Hustensaft ist seit Monaten abgelaufen, auch das Nasenspray und die Schmerz­tabletten haben längst ihr Verfallsdatum überschritten. Verwenden lassen sich die Medikamente nicht mehr. Sie müssen wohl oder übel entsorgt werden. Aber wo?

Knapp die Hälfte der Deutschen entsorgt abgelaufene Arzneimittel in der Toilette oder der Spüle. Das ergab eine Umfrage des Instituts für sozial-ökologische Forschung im Jahr 2015. Ähnliche Ergebnisse lieferte 2017 eine Befragung des Instituts für empirische Sozial- und Kommunikations­forschung im Auftrag der Hamburger Behörde für Umwelt und Energie: Demnach gaben 44 Prozent der Befragten an, mindestens ein altes Medikament pro Jahr in der Spüle oder der Toilette zu entsorgen. Bei jedem Zehnten waren es sogar mehr als zehn Arzneien pro Jahr.

Einmal auf die Spültaste drücken und schon werden die Medikamente vom Wassersog davon­geschwemmt. Simpel und bequem. Zusammen mit Fäkalien, Schmutzwasser und anderen Feststoffen gelangen die Arzneien über die Kanalisation in die Kläranlagen. Doch hier gibt es das erste Problem: Die meisten Kläranlagen sind nicht in der Lage, Arzneimittel­rückstände komplett aus dem Abwasser zu entfernen. Über den Klärwasser­ablauf finden sie ihren Weg in die Ober­flächen­gewässer wie Flüsse und Seen, und damit in den natürlichen Wasserkreislauf.

Mehr als 400 verschiedene Arzneimittel­rückstände verschmutzen deutsche Gewässer

„Wenn sich die Menschen bewusst wären, wie sich die Medikamente auf die Umwelt auswirken, würden sie sie nicht einfach die Toilette herunterspülen“, ist Peter Manning, Ökologe von der norwegischen University of Bergen, überzeugt. Er hat zusammen mit drei weiteren Forschern in der Juliausgabe des „Science“-Magazins zusammen­gefasst, wie Arzneimittel­rückstände die Umwelt schädigen. Ihr Ergebnis: Synthetische Chemikalien wie Pharmazeutika verschmutzen die Umwelt am stärksten – sogar noch mehr als die steigenden CO₂‑Emissionen.

Allein in Deutschland wurden laut Umweltbundesamt bislang mehr als 400 verschiedene Arzneimittel­rückstände in der Umwelt gefunden, vor allem in Gewässern. Ihren Weg dorthin finden sie nicht nur, weil sie unachtsam die Toilette hinunter­gespült werden. Es handelt sich gleichermaßen um Reste von Tierarznei­mitteln, die die Tiere ausscheiden und dann über Gülle und Mist sowie über die Abwässer vom Stall in die Umwelt gelangen. Auch der Mensch sondert Pharmazeutika über Kot und Urin ab.

Wohlgemerkt, die gemessenen Konzentrationen der Arzneimittel­rückstände sind sehr gering. Häufig betragen sie zwischen 0,1 und ein Mikrogramm pro Liter, in seltenen Fällen aber auch mehrere Mikrogramm pro Liter. Verbindliche Grenzwerte für Arzneimittel­einträge gibt es noch immer nicht. Doch inzwischen ist klar: Selbst kleine Mengen, die nahezu flächen­deckend und ganzjährig in Fließ­gewässern sowie Boden- und Grund­wasser­proben nachweisbar sind, wirken sich auf die Ökosysteme aus. Wie schädlich und langlebig sie sind, hängt dabei auch vom jeweiligen Medikament ab.

Der Freund des Menschen wird zum Feind der Tiere

Eines der Medikamente, die Forschende in Gewässer- und Bodenproben nachweisen, ist das Schmerzmittel Diclofenac. Es wird etwa als Voltaren vermarktet, das in seiner Darreichungsform als Gel Rücken- und Gelenk­schmerzen lindern soll. Auch als Tablette, Zäpfchen und Schmerzpflaster ist Diclofenac erhältlich.

Was dem Menschen hilft, schadet jedoch den Tieren: In den 1990er-Jahren führte das Schmerzmittel in Indien und Pakistan zu einem Geiersterben. Die Vögel starben an einem Nieren­versagen, nachdem sie Tiere gefressen hatten, die vor ihrem Tod mit Diclofenac behandelt worden waren. Ebenso schädigt das Medikament die inneren Organe von Fischen wie der Regen­bogen­forelle. Weitere Negativbeispiele sind etwa die Antibabypille, die die Vermehrung von Fischen – selbst in niedrigen Konzentrationen – nachhaltig beeinträchtigt; Antibiotika, die das Algenwachstum verlangsamen; oder das Diabetes‑2-Mittel Metformin, welches den Hormon­haushalt von Fischen durcheinander­bringt.

Umweltrisiken von 88 Prozent der Arznei­mittel unbekannt

„Es gibt aber noch viel mehr, vielleicht subtilere ökologische Auswirkungen von Medikamenten, über die wir noch zu wenig wissen“, gibt Ökologe Manning zu bedenken. Für 88 Prozent aller Arzneimittel, die Einfluss auf menschliche Proteine nehmen, sei nicht klar, wie stark sie sich auf die Umwelt auswirken, schreiben er und seine Kollegen in ihrem „Science“-Beitrag. Die verschiedenen Medikamenten­reste in Flüssen, Seen und Böden könnten zudem miteinander wechselwirken. Auch dazu sei noch zu wenig bekannt.

Es mangelt an aussagekräftigen Daten – auch, weil nach der Zulassung der Pharmazeutika nicht erfasst wird, welche Langzeit­wirkungen sie auf die Ökosysteme und ihre Bewohner haben. Aus Sicht des Umwelt­bundes­amts sei es jedoch erforderlich, besonders umweltrelevante Arzneimittel nach der Zulassung noch zu überwachen. Für neu zuzulassende Medikamente müssen Arzneimittel­hersteller inzwischen Unterlagen zur Umwelt­risiko­bewertung vorlegen. Doch Mittel, die schon seit Jahrzehnten über die Apotheken­tische wandern, bleiben davon unberührt.

Arzneimittelverbrauch nimmt stetig zu

Am besten wäre es wohl, auf umweltschädliche Medikamente zu verzichten. Doch das wird nicht möglich sein, da sie zum Teil lebensnotwendig sind. Zumindest könnten sie aber durch umwelt­freundliche Alternativpräparate ersetzt werden. Diesen Ansatz verfolgt zum Beispiel Schweden: In der „Weisen Liste“ können Ärztinnen und Ärzte nachlesen, wie sich welche Arzneimittel auf die Umwelt auswirken. Sie sind dann dazu angehalten, bei gleicher Wirksamkeit ein entsprechend umwelt­freundlicheres Präparat zu verschreiben. So will Schweden durch Pharmazeutika verursachte Schäden an Flora und Fauna minimieren.

Gerade mit Blick auf die Zukunft könnte die Suche nach Alternativen immer wichtiger werden. Denn die Zahl der Menschen, die Arzneimittel nutzen, steigt kontinuierlich. „Laut unseren Prognosen wird sich der Human­arzneimittel­verbrauch in Deutschland bis 2045 im progressiven Szenario um bis zu 70 Prozent erhöhen und damit die Umwelt und die Wasserwirtschaft vor gewaltige Heraus­forderungen stellen“, heißt es in einer Studie des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) aus dem Jahr 2017.

Beim Pro-Kopf-Verbrauch von Arzneimitteln gibt es allerdings deutliche Alters­unterschiede: Während 20- bis 25‑Jährige 80 Tagesdosen pro Jahr einnehmen, seien es bei den 80- bis 84‑Jährigen 1669 Tagesdosen, rechnet der BDEW vor. Das entspricht ungefähr der 20‑fachen Menge. Jedoch sei auch bei Jüngeren eine Steigerung des Arzneimittel­verbrauchs zu erwarten.

Wie man abgelaufene Medikamente richtig entsorgt

Die Umweltschäden durch Medikamente dürften in den kommenden Jahren folglich noch größer werden. „Es gibt eine Reihe von Lösungen für dieses Problem“, meint Ökologe Manning. Zum Beispiel sei mehr Forschung notwendig. „Aber wir müssen auch wissen, dass es ein Problem ist und dass ein paar kleine Änderungen die Mengen, die in die Umwelt gelangen, reduzieren können.“

Zum einen müssten die Menschen, die Medikamente nutzen, aufgeklärt werden. Etwa darüber, wie abgelaufene Arzneimittel richtig entsorgt werden. Denn die Toilette oder die Spüle ist nicht der richtige Weg. „Entsorgen Sie Arzneimittel niemals über das Abwasser“, mahnt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte auf seiner Internetseite. „Fragen Sie in Ihrer Apotheke, wie das Arzneimittel zu entsorgen ist, wenn Sie es nicht mehr verwenden.“ Alternativ können Medikamente auch im Restmüll entsorgt oder auf Recyclinghöfen abgegeben werden.

Zum anderen müssten diejenigen für das Thema sensibilisiert werden, die die Medikamente verschreiben beziehungsweise verkaufen. Also Ärztinnen und Ärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker. Sie sollten Vermeidungs­strategien entwickeln und Maßnahmen ergreifen, um Arzneimittel­einträge zu reduzieren, fordert der BDEW.

Kläranlagen sollen mit vierter Reinigungs­stufe ausgestattet werden

Auch die Wasserwirtschaft ist gefragt. Schließlich sind auf dem Weg der Medikamente von der Apotheke in die Umwelt gerade Kläranlagen große Schwachstellen. Die EU‑Kommission plant deshalb, bis 31. Dezember 2035 für alle Kläranlagen, deren Einwohnerwert größer oder gleich 100.000 ist, eine vierte Reinigungsstufe verpflichtend einzuführen. So steht es in der überarbeiteten kommunalen Abwasser­richtlinie (91/271/EWG). Der Einwohnerwert beschreibt dabei die Menge der Schmutzfracht im Zulauf einer Kläranlage.

Ziel der vierten Reinigungsstufe ist es, Spurenstoffe wie Arzneimittel­rückstände durch Ozon, UV‑Licht oder Aktivkohle herauszufiltern und unschädlich zu machen. Doch ganz geht dieser Plan nicht auf, wie eine Studie des BDEW aus dem Jahr 2018 nahelegt. Demnach kann auch eine vierte Reinigungsstufe nicht alle unerwünschten Stoffe vollständig aus dem Abwasser entfernen. Zudem könnten neue umweltschädliche Abbauprodukte entstehen, die in die Gewässer gelangen. „Eine Beschränkung auf ‚End-of-Pipe-Maßnahmen‘ der Wasser­wirtschaft greift daher zu kurz“, meint der Verband.

Arzneimittelverbände lehnen Sonder­abgabe ab

Schon bei der Entwicklung von Arzneimitteln sehen Ökologe Manning und der BDEW Handlungs­bedarf. „Hersteller von Arzneimitteln tragen die Produkt­verantwortung in Bezug auf Umwelt­verträglichkeit, also auch in Hinblick auf die Reduzierung des Eintrags in die Umwelt“, argumentiert der Energie- und Wasser­wirtschafts­verband. Vorgesehen ist deshalb beispielsweise eine Sonderabgabe für Arznei­mittel­hersteller zur Finanzierung der vierten Reinigungsstufe für Kläranlagen. Nach dem Motto: Wer den Schaden verursacht, muss ihn auch bezahlen.

Kritik daran – das dürfte nicht überraschen – kommt vonseiten der Arzneimittel­hersteller. In einer kürzlich veröffentlichten Pressemitteilung verweisen der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller, der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, Pro Generika und der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen auf ein Gutachten des Bonner Verfassungsrechtlers Udo Di Fabio. Dieser kommt zu dem Schluss, dass eine solche Sonderabgabe verfassungs­widrig sei und sich sogar negativ auf die Patienten­versorgung auswirke.

Werbeverbot, Verschreibungspflicht, Warn­hinweise – was hilft?

„Warum ein systemrelevanter Sektor wie die pharmazeutische Industrie einseitig durch zusätzliche Kosten benachteiligt werden soll, obwohl Mikro­verunreinigungen nachweisbar durch viele unterschiedliche Stoffgruppen hervorgerufen werden, ist nicht nachvollziehbar“, erklären die Arzneimittel­verbände. Eine Sonderabgabe würde eine „erhebliche Mehrbelastung“ für pharmazeutische Unternehmen darstellen. „Die Folge: Wichtige Arzneimittel in Europa könnten nicht mehr zur Verfügung stehen.“

Auch Umweltwarnhinweise auf den Medikamenten­verpackungen lehnen die Verbände ab. Die Forderungen des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) reichen noch weiter: Er spricht sich für eine Verschreibungs­pflicht für alle Human­arzneimittel mit Umweltrisiken aus, sowie für ein generelles Werbeverbot auch für nicht rezeptpflichtige Pharmazeutika. Gleichzeitig sollten Umweltrisiken bei zulassungs­relevanten Nutzen-Risiko-Analysen eine entscheidende Rolle ­spielen. Aber auch das sehen die Hersteller kritisch – nicht zuletzt, weil es für sie höhere Kosten bedeuten würde.

Medikamentenstudien auf Ökosysteme weltweit ausweiten

„Die Lösungen sind vorhanden, aber der tatsächliche Wille, sie anzugehen, vor allem vonseiten der Industrie, ist nicht vorhanden“, meint Ökologe Manning. Er hält vor allem sogenannte Mesokosmos­studien für sinnvoll. Gemeint sind Modell­öko­systeme mit Pflanzen, Plankton und Fischen, in denen die ökologischen Auswirkungen von Medikamenten getestet werden können.

Manning und seine Kollegen plädieren zudem dafür, Studien zur Wirkungsweise der Pharmazeutika auf verschiedene Ökosysteme der Welt auszuweiten. Die meisten Untersuchungen seien bisher in Ländern mit hohem Einkommen und in der gemäßigten Zone durchgeführt worden. „Folglich ist nur sehr wenig über die ökologischen Auswirkungen der Arzneimittel­verschmutzung in den meisten Ökosystemen der Welt bekannt, vor allem in denen des globalen Südens“, schreiben sie.

Es wird deutlich: Arzneimittel in die Umwelt zu bringen, ist in jedem Fall leichter, als sie daraus zu entfernen. „Ich denke, dass man sorgfältig über die richtige Strategie nachdenken muss, um sicherzustellen, dass das richtige Gleichgewicht zwischen dem Einsatz von Medikamenten, wenn sie gebraucht werden, und der Kontrolle ihres Einsatzes, wenn er unnötig ist, erreicht wird“, sagt Manning. Dabei sind am Ende nicht nur einzelne Akteure gefragt, sondern all diejenigen, die Arzneimittel herstellen, verkaufen, verbrauchen und entsorgen. Also alle Menschen auf der Erde.

Von Laura Beigel/RND