Dating-App-Burn‑out: „Was Menschen erschöpft, sind Dates, die nicht ihren Erwartungen entsprechen“ – landeszeitung.de

Justin McLeod, Sie sind CEO einer Dating-App – und sagen gleichzeitig schon seit Jahren, dass Sie nicht gern lange am Handy sind. Sie nutzen unter anderem kein Social Media, weil es „süchtig macht“ und nicht gut für die mentale Gesundheit sei. Trifft das nicht auch auf Dating-Apps zu?

Finde ich nicht, zumal sich Hinge deutlich von anderen Dating-Apps unterscheidet. Unser Ziel ist es, Menschen großartige Dates zu ermöglichen, damit sie die App so schnell wie möglich löschen können. Und um das klarzustellen: Ich bin kein Technikfeind. Ich nutze viele verschiedene Apps, aber ich persönlich halte einfach nichts von Social Media. Ich habe mich immer schlecht gefühlt, wenn ich auf sozialen Netzwerken unterwegs war – und deswegen nutze ich keine Plattform mehr. Man sitzt dort stundenlang vor dem Handy, scrollt und sieht andere Menschen, die gerade etwas Cooleres mit cooleren Menschen machen. Das hat mich immer wieder nur runtergezogen – und es hat mir vor allem meine wertvolle Zeit geraubt, die ich viel lieber mit meiner Familie verbringe.

Dating-Apps können aber unter Umständen auch zeitraubend sein – vor allem dann, wenn man jemanden sucht, aber einfach niemanden findet. Können Sie sich also vorstellen, dass es Menschen mit Dating-Apps genauso geht, wie Ihnen mit Social Media – und es ihnen schwerfällt, von der Plattform loszukommen?

Das ist sicherlich etwas, wovon Menschen berichten. Aber anders als andere Dating-Apps wurde Hinge nie dafür entwickelt, dass sich Menschen dort besonders lange aufhalten. Wenn sich Apps über Werbung finanzieren, wollen sie, dass ihre Nutzerinnen und Nutzer so lange dort bleiben wie möglich. Wir finanzieren uns aber nur über Abos und wollen, dass unsere Nutzerinnen und Nutzer möglichst schnell die App verlassen und lieber auf tolle Dates gehen – das ist unser Versprechen. Natürlich dauert es länger, ein gutes Date zu finden, als ein Taxi zu rufen. Deswegen verbringt man auch tendenziell ein bisschen mehr Zeit auf Hinge als auf Apps für Mitfahr­gelegenheiten. Aber ist es das nicht wert, wenn man seine Zeit investiert, den richtigen Menschen zu finden?

Wenn es denn klappt, sicherlich schon. Aber genau das ist eben nicht die Erfahrung, die viele Menschen mit Dating-Apps machen: Zuletzt haben sich Nutzerinnen und Nutzer zunehmend öffentlich dazu geäußert, dass sie sich frustriert und erschöpft von Dating-Apps fühlen, weil sie dort niemanden finden.

Und diese Probleme gehen wir an. Wir sind immer noch die einzige Dating-App, die ihre Nutzerinnen und Nutzer fragt, ob sie mit einem anderen Menschen auf Hinge ein Date hatten und wie dieses Treffen war. Durch diese Informationen können wir besser verstehen, wonach unsere Userinnen und User suchen. Die Profile sind zudem detaillierter – und gerade von deutschen Nutzerinnen und Nutzern höre ich seit dem Launch, dass sie erstaunt über die Menge an Informationen sind, nach denen wir fragen. Aber je mehr Menschen über ihre potenziellen Datingpartner wissen, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie wirklich gute Dates haben. Was Menschen meiner Meinung nach eher auf anderen Dating-Apps erschöpft, sind Dates, die nicht ihren Erwartungen entsprechen. Das heißt zum Beispiel: Sie wussten nicht genug über den Menschen und vielleicht sah er auch ganz anders als auf den Fotos aus. Ich glaube, dass viele Menschen die Erfahrung gemacht haben, dass sie zwar einen Haufen Matches bekommen, aber sich keins davon als erfolgreich herausstellt.

Es gibt bereits eine Vielzahl von Dating-Apps in Deutschland – und seit September ist hierzulande auch Hinge verfügbar. Wie soll sich Hinge von anderen Dating-Apps unterscheiden?

Auf Hinge wischt man nicht einfach die Menschen nach links und rechts, so wie es bei anderen Apps der Fall ist. Um die App zu benutzen, bitten wir Nutzerinnen und Nutzer darum, sechs Fotos hochzuladen und mindestens drei Fragen zu beantworten – wir nennen sie Prompts. Sie dienen als Eisbrecher und helfen Menschen dabei, miteinander in Kontakt zu treten. Die App macht grundsätzlich auf Basis von Algorithmen Partner­vorschläge, denen man ein ‚Like‘ geben kann. Nutzerinnen und Nutzer geben dabei nicht dem gesamten Profil, sondern nur gewissen Teilen einen Like, die sie mögen. Zum Beispiel einem sympathischen Prompt oder einem ansprechenden Bild. Wer das tut, kann auch einen Kommentar im Profil hinterlassen – und so kommt man ins Gespräch.

Ein paar freche Sprüche in Form von Prompts, dazu einige bearbeitete Bilder – ist das denn nicht gerade die Oberflächlichkeit, an der sich viele Menschen auch in anderen Dating-Plattformen stören?

Die Profile sind bei Hinge viel persönlicher gestaltet. Beispielsweise wegen der Prompts, die es auch als Sprach­nachricht oder Video­aufnahme gibt. Wer ein Profil sieht, soll das Gefühl haben, dass er sich mit dem Menschen unterhält. So können beide besser beurteilen, ob die Chemie stimmt. Wenn man nur das Bild und ein wenig aufschluss­reiches Profil sieht, geht das schlecht. Das Aussehen spielt beim Dating natürlich immer eine wichtige Rolle – es ist schließlich eine wichtige Komponente von Anziehung. Aber eben auch nur eine. Wir versuchen daher, so viele Komponenten wie möglich in der App zu integrieren, damit man ein besseres Gespür für den Menschen hinter dem Profil bekommt.

Auch Sie haben Hinge ursprünglich benutzt, um eine Freundin zu finden. War das erfolgreich?

Man muss bedenken, dass es damals noch eine ganz alte Version von Hinge war, die ich letztendlich komplett eingestampft hatte. Aber nein, ich hatte damit keinen Erfolg. Als wir 2011 mit der App starteten, hatten wir viele Funktionen – wie das Swipe-Prinzip – von anderen Apps kopiert. Hinge ähnelte den anderen Dating-Apps also immer mehr, jedoch war das nicht der Weg zum Erfolg. Leute suchten nicht nach einer weiteren App, die nur für „Hook‑ups“ gut ist – davon gab es schon genügend andere. In der damaligen Form war Hinge folglich nicht sonderlich gut darin, Menschen dabei zu helfen, ein gutes Date zu finden. In der früheren Version brauchte es ungefähr 1000 Likes, bis man ein Date bekam. Aber seitdem wir die App 2016 nach zwei Fehlversuchen erneuert haben und einen Neustart gewagt haben, sind es inzwischen nur noch ungefähr 50 Likes.

Was hat Sie trotz des fehlgeschlagenen Starts von Hinge dazu bewogen, es noch mal mit der App zu versuchen?

Meine eigene Liebesgeschichte. Als ich Hinge entwickelte, hatte ich gerade eine Trennung von meiner heutigen Frau Kate durchgemacht. Ich wollte eine Freundin finden und war der Meinung, dass Dating ein reines Zahlenspiel ist: Man muss es nur so lange versuchen, bis man den richtigen Menschen gefunden hat. Aber das war überhaupt nicht der richtige Ansatz – und das ist mir bewusst geworden, als ich wieder mit Kate zusammenkam. Ich flog in die Schweiz und bat sie, ihre Hochzeit abzublasen und mit mir zurück nach Amerika zu fliegen. Glücklicherweise hat sie genau das gemacht – und heute sind wir glücklich verheiratet und haben zusammen zwei Kinder. Durch diese Erfahrung ist mir klar geworden, dass es beim Dating nicht auf Quantität, sondern auf Qualität ankommt – und wir unser Glück in der eigenen Hand haben. Und genau diese Erfahrung sollte Hinge prägen.

Hinge setzt für bessere Partner­vorschläge auf maschinelles Lernen. Aber wie kann etwas so Technisches wie Algorithmen für so etwas Persönliches wie Dating und Liebe gut sein?

Ich glaube daran, dass Liebe und Dating Kunst und Wissenschaft zugleich sind. Wir Menschen haben beim Dating zwar unterschiedliche Geschichten, aber wir teilen gleichzeitig auch Erfahrungen. Und die Wissenschaft kann diese häufigen Erfahrungen und Muster nutzen, um Menschen dabei zu helfen, erfolgreichere Beziehungen zu finden und zu führen. Und ich bin der Meinung, dass Hinge ein guter Ort ist, um das zu erreichen. Aber auch Hinge hat natürlich Grenzen – ein Algorithmus ist schließlich immer nur so intelligent wie die Daten, mit denen man ihn füttert. Die Algorithmen können unseren Nutzerinnen und Nutzen die Menschen anzeigen, bei denen es wahrscheinlich ist, dass sie ihnen gefallen. Sie können aber nicht tief in ihre Seele schauen und sagen: „Diese Person ist deine Seelenverwandte – vertrau uns.“ Wobei ich das langfristig nicht für eine vollkommen verrückte Idee halte.

Hinge gehört unter anderem im Vereinigten Königreich und Australien zu den am meisten herunter­geladenen Dating-Apps. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Ich habe schon oft von Menschen gehört, die auf anderen Dating-Apps nicht erfolgreich waren und deshalb zu Hinge wechselten, um endlich eine Beziehung zu finden. Und ich glaube, dass es sich herum­gesprochen hat, dass Hinge effektiv darin ist, Menschen zusammen­zubringen. Zum Beispiel als der heutige US‑Verkehrs­minister, Pete Buttigieg, vor einigen Jahren bekannt gab, dass er seinen Ehemann über Hinge kennen­gelernt hat. Für uns war es zuletzt etwas überraschend, dass vor allem die Altersgruppe der 18- bis 24‑Jährigen seit einigen Jahren unser am schnellsten wachsendes Segment ist – wir dachten eigentlich immer, dass wir eher die über 24 Jahre alten Menschen ansprechen. Aber das zeigt, dass sich auch die Jüngeren nach bedeutsamen Begegnungen und erfolgreichen Beziehungen sehnen.

Von Ben Kendal/RND